↪ Retrospektive
Pauline 51 - 16.09.2021, Herbst 2021
Architektur —
was bleibt?
Was ändert sich?

Architektur - was bleibt? Was ändert sich?, Architektur - was bleibt? Was ändert sich?, Architektur - was bleibt? Was ändert sich?, Architektur - was bleibt? Was ändert sich?

Die diesjährige “Herbst Pauline” hat dieses Mal fast die Form einer Fernsehsendung angenommen. Im Studio sind die Referenten und Veranstalter; alle Gäste sind vor ihren Bildschirmen Zuhause. Aus einer anderen Welt ist die Erinnerung, dass vor noch knapp zwei Jahren die Paulinenstraße 51 zu dieser Zeit voll mit Gästen war. Viel hat sich seitdem verändert. So ist auch das Thema der Pauline: Veränderung. „Architektur – was bleibt? Was ändert sich?“.

Zu Beginn gibt der Veranstalter Bernd Mannsperger eine Reprise seiner Erfahrungen zum Thema „Veränderung“: Gesundheit und Klima sind die größten Faktoren, die unser Leben in den letzten Jahren neu geformt haben, so Mannsperger. Die Veränderungen hat zuallererst ein neues Denken angeregt.

Man hat gelernt, wie viele Flächen man sich eigentlich sparen und somit Kosten senken kann. Bestandsflächen können nun völlig anders, neu genutzt und gedacht werden. Das mobile Arbeiten, dass zuvor in Deutschland stiefmütterlich behandelt wurde, blühte auf einmal auf. Flexibilität ist gefragt und gefordert. Mit dem neuen Denken, beschreibt Mannsperger, haben sich auch neue Erwartungen entwickelt. Sicherheit stand und steht immer noch an oberster Stelle. Dieser Wunsch nach Sicherheit ist direkt gefolgt vom Wunsch nach digitalem und räumlich losgelöstem Arbeiten. Eine Veränderung der Unternehmenskultur wird folgen. Durch das neue Denken und die neuen Erwartungen sind auch neue Lösungen aufgetan worden. Programme wie Teams und Zoom sind zur Basis Ausstattung geworden. Ebenso werden Räume nun viel flexibler genutzt als zuvor und kreative und individuelle Multi-Space Räume gehören mehr zum Alltag als je zuvor. Nach Mannsperger ergreift Rudi Schricker das Wort: „Jeder ist von der Pandemie betroffen“ eröffnet Schricker seinen Beitrag. Das, was man daraus gelernt hat, erläutert er, ist, sich die richtigen Partner zu suchen, die einen unterstützen können.

Schricker betont, dass „das Innere“ in den letzten eineinhalb Jahren viel mehr an Bedeutung gewonnen hat. Die Räume mussten nun, mehr denn je, die Menschen unterstützen, da es „das Äußere“ nicht mehr so gibt wie zuvor.

Ebenso wurde die Trennung von Räumen nach ihrer Nutzung zunehmend obsolet. Multifunktionale Räume waren gefragt. Weiter geht Schricker auf seit Langem gepflegte Schulbauten ein. Ein gebautes System, dass wie die Pandemie gezeigt hat, in die Jahre gekommen ist.

Mit Luftfiltern allein kann man in dieser Situation nur wenig erreichen, so Schricker. Pädagogik muss neu gedacht werden und sollte durch neue alternative architektonische Lösungen unterstützt werden. Schule sollte zu einer neuen und flexiblen Lernlandschaft werden, in der Schüler und Lehrer jeden Tag eigene Lernszenarien entwickeln können. Auch das Thema „Wie werden wir in Zukunft Arbeiten?“ verändert entsprechende Räume. Zahlreiche Immobilien für Büros werden zunehmend „mobil“ und sind Veränderungsprozessen unterworfen. Im Zuge größerer Attraktivität von „Homeoffice“ verändern sich auch private Wohn- und Lebensbereiche. Endlich verabschiedet man sich von den eingefahrenen und inhaltslosen Begriffen wie „Wohn- und Schlafzimmer, Kind 1 und Kind 2, etc.; Verhaltens- und Tätigkeitsbe- reiche mischen und gliedern sich neu: da sind zunehmend neu definierte „Schleusen“, Schnittstellen mit der Außenwelt, temporär halböffentlich. Da strukturieren sich Gästezonen neu für temporäre Kontakte und Gespräche mit entsprechend Abstand, Lüftung und Hygiene.

In der „privaten“ Kernzone verfügen nur Bewohner und Vertraute Zutritt und genießen Aufenthaltsqualität, die sich aus einem Mix aus Entspannen, Kommunizieren und Arbeiten speist. Ernährung und Wasserhygiene wird privat.

Der erste Referent des Abends ist Hadi A. Tandawardaja von SOMAA. Er beschreibt, dass immer, wenn etwas „Großes“ passiert, wie vor zwanzig Jahren 9/11 oder vergangenes Jahr die Corona Pandemie, Menschen neue Erwartungen entwickeln.

9/11 hat das Bedürfnis nach Sicherheit verändert, die Corona Pandemie das Hygiene-Bedürfnis. Das generelle Problem, so Tandawardaja, sind die Menschen und ihre Erwartungen und nicht der Raum. Er beschreibt, wie Bauherren mit einem Problem zu ihm kommen. Das Problem ließe sich durch einen Raum lösen, so würde er als Architekt einen Auftrag bekommen und das Problem der Bauherren wäre gelöst. Was jedoch, wenn ein „neuer Raum“ nur eine von vielen Lösungen ist und die wirklich beste und nachhaltigste Lösung gar nicht in gebauter Form realisierbar ist. Dann wäre er als Architekt seinen Auftrag los. „Räume schaffen“ bedeutet daher Möglichkeiten schaffen. Lösungen, die dann auch nicht gebaut sind“ so Tandawardaja.

Er erläutert am Beispiel des Mobiltelefons, wie diese „Lösung“ den Bau von Telefonzellen obso- let machte. Ebenso hat Corona gezeigt, wie man auf einige Dinge verzichten kann. Architekten sollten ihr Selbstbild ändern: man muss nicht nur bauen, um ein Architekt zu sein, sondern Räume denken, so Tandawardaja. Auch „kurzfristige“ Architektur muss langfristig gedacht werden. Der Wert der Architektur sollte sich nicht nur in ihrem materialen Wert widerspiegeln, sondern in dem, was sie langfristig ausmacht. Es ist viel nachhaltiger nichts Neues zu bauen, sondern Lösungen zu finden, die wir Architekten nicht bauen müssen. Die Lösung muss und kann nicht (immer) das Bauen sein! Wir sollten alle unsere Räume prüfen und uns mehr in Verzicht üben.

Der zweite Referent des Abends ist Martin Haas von haascookzemmrich STUDIO 2050. Die Pandemie, so Haas, war und ist eine große Herausforderung. Gleich zu Beginn sind seinerzeit zwei große Projekte abgesagt worden und auch so hatte man mit den neuen Herausforderungen zu kämpfen. Heute sei man aber froh, auf einen Wandel in der Gesinnung und in dem Büroimage zu schauen, der auch andere Auftraggeber und nachhaltigere Projekte generiert haben. „Architek- ten sind keine Alleskönner“ setzt Haas seinen Vortrag fort. Es sind Menschen aus verschiedenen Disziplinen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Stärken.

Von der Architektur, die man schafft, so Haas, hat man das Bild, dass sie ewiglich ist. Die Welt ist jedoch veränderlich. Menschen mussten schon immer mit Veränderungen umgehen. Die Gesell- schaft heute ist Effizienz gesteuert, wobei die Effektivität oft vergessen wird. In dieser Effizienzplanung wurden seither Räume nach Nutzung vordefiniert. Diese vorgefertigte Nutzung von Räumen funktioniert jedoch nicht mehr so wie einst - das hat die Pandemie deutlich gemacht. Wohnungen für horrende Mietsummen standen vor der Pandemie die meiste Zeit leer, während gleichzeitig Firmen nach neuen Mietflächen für ihre Mitarbeiter suchten. Durch die Pand- emie haben wir gelernt mit solchen Ressourcen schonender umzugehen.

Haas zeigt ein Bild des Times Square in New York; diesen beschreibt er als einen hoch effek- tiven Raum, der für die vielfältigsten Dinge genutzt werden kann. Flächenverbrauch war gestern; Mehrfachnutzung und Veränderbarkeit ist heute; Ressourcenschonung, Selbstbeschränkung und „Spacesharing“ bzw. Flexibilität streben wir an. Es geht darum Räume zu schaffen, die maximal einfach und daher auch maximal flexibel sind. Es geht darum Architektur zu schaffen, die man lieben kann! Brauchen wir eine neue Architektur Resilienz?

Der letzte Beitrag des Abends ist von Nico Weber von BFK architekten. Auch Weber beschreibt zu Beginn die Situation des Büros beim Start der Pandemie. Mitarbeiter arbeiteten vermehrt im Ho- meoffice und besonders das aktive Miteinander fehlte. Mittlerweile, da das Arbeiten im Büro wie- der möglich ist, merkt man, so Weber, wie gut es tut, diese Interaktion wieder zu haben.

Weber geht auf das Thema der Nachhaltigkeit ein, welches schon viele Jahre im Vordergrund steht – politisch wie gesellschaftlich. Man muss Nachhaltigkeit doch auch jenseits von der Nut- zung natürlicher Rohstoffe sehen. Nachhaltige Räume sind wandelbar, flexibel und veränderbar, damit sie länger nutzbar sind. Auch der Zugriff auf Ressourcen verändert sich. Der Materialfluss ist nicht mehr gewährleistet, immer sicher und jederzeit verfügbar, und Lieferketten funktionieren nicht mehr wirklich. Auch hier muss ein Umdenken stattfinden.

Am Beispiel des Hochregallagers für Alnatura in Lorsch erläutert Weber ein nachhaltiges Konzept seines Büros. Das Hochregallager ist untypisch für eine Industriehalle komplett aus Holz gebaut, um besonders auf den für die Firma Alnatura wichtigen Aspekt der Nachhaltigkeit im baulichen Sinne einzugehen. Der ideologische Gedanke der Nachhaltigkeit rückt auch zunehmend bei Bauherren in den Fokus. Es sind nicht mehr nur rein wirtschaftliche Gründe bei der Umsetzung von Projekten entscheidend. Veränderung als gegeben annehmen, und mit ihr umzugehen, gehöre einfach dazu, so Weber. Er schließt seinen Vortrag mit den Worten von Heraklid aus dem Jahr 500 vor Christus „Nichts ist so beständig, wie die Veränderung“.

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
↪ www