↪ Retrospektiv
Pauline 51 - 17.09.2020, Herbst 2020
Architektur und Digitalisierung - Chancen und Gefahren

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Schon ist es wieder soweit und die September Pauline findet statt. Weniger einsam als noch im Juni finden sich die Veranstalter und fünfzehn Gäste in der Paulinenstraße 51 in Stuttgart.

Die Veranstaltung am heutigen Tag ist nun ein Hybrid aus digitaler und analoger Veranstaltung. Vor den Rechnern sitzen 57 weitere Gäste und sind gespannt auf den heutigen Abend. Rudolf Schricker beginnt einleitend mit dem Statement, dass Corona und die damit verbundene, zunehmende Digitalisierung die Baubranche extrem verändert haben. Seit April wird nun „anders“ kommuniziert, es wird weniger gereist und auch das Arbeiten hat sich verändert.

Er überlegt weiter, ob die Digitalisierung, die zum Schutz der Gesundheit der Menschen, mehr denn je durchgesetzt wurde, auch dazu beitragen kann, die Gesundheit der Menschen nachhaltig zu verbessern. Somit kann jeder Mensch den Raum mit nur einem Klick verändern, wie er ihn gerade haben will. Gesund sind Räume, sobald sie smart werden, sensibel und mit Menschen interagieren. Dies ist keine Vorstellung aus einem Science-Fiction Film mehr, sondern Realität. Realität, welche die Digitalisierung möglich macht! Herr Dr. Alexander Rieck von L-A-V-A ist der erste Referent des Abends. Einleitend stellt er die simple Frage „Warum digital?“. Ist es die Komplexität, die uns zu digitalen Mitteln greifen lässt? Wohl nicht nur, beantwortet er selbst die Frage und nennt als Beispiel das Empire State Building, das 1931 in nur 3 Jahren gebaut wurde; ohne digitale Mittel, wie wir sie heute haben. Ist das Digitale ein Trend, um schneller, besser und billiger zu werden? Wenn man auf aktuelle Großbaustellen wie Stuttgart 21 schaut, eher nicht.

Weiter geht Rieck in seinem Vortrag auf die Entwicklung der noch sehr jungen digitalen Gesellschaft ein. Das iPhone ist schließlich erst 13 Jahre alt, hat jedoch so einiges im Umgang der Menschen untereinander verändert. Für die Jugend von heute ist das Internet Gottgegeben, was eine Telefonzelle ist, weiß ein Dreizehnjähriger höchstes von alten Fotos.

Diese Entwicklung ist gleichzusetzten mit der Entwicklung von Landbesitz oder der Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Nun wird unsere Industriegesellschaft zunehmend zur digitalen Gesellschaft. Ein radikaler Umbruch findet statt. Das Problem ist jedoch, dass wir Architekten immer noch für eine Industriegesellschaft entwerfen, planen und bauen. Nicht für eine digitale! An sich wäre dies kein Problem, jedoch ist die Entwicklung der digitalen Gesellschaft rasant. Dies führt zu einer Kollision zwischen der sich immer schneller entwickelten digitalen Ge- sellschaft und der Architektur, die einfach viel länger braucht, um gebaut zu werden! Wie digital wir auch immer noch werden, Architektur wird immer auch physisch sein.

Zudem erläutert Rieck die Evolution des Entwerfens. Vom physischen Papier zum CAD in 2D, CAD in 3D hin zu BIM, gefolgt von Prefabrication, Parametric Design bis hin zum „Sensible Hous- ing“. Bei dieser Entwicklung, so Rieck muss sowohl der Architekt sich in seiner Arbeit verändern als auch die Städte. Architektur muss in allen Maßstäben so flexibel wie möglich werden, um dieser neuen Zeit gewachsen zu sein.

Der zweite Beitrag des Abends ist von Kreativdirektor Sebastian Schott von blocher Partners. Im Mittelpunkt dabei steht das digitale Arbeiten. Die Kernaussage ist: Digitales Arbeiten und Methodik statt Werkzeug. Gemeint ist der zunehmende Trend, dass Architekturplanung sich mehr und mehr auf die in vielen Zeichenprogrammen vordefinierten Werkzeuge wie Treppen, Türen, Fenster zurückführen lässt. Hier setzt der Vortrag von Sebastian Schott an, der digitales Arbeiten als integrativen, konzeptionellen Prozess versteht. Die Software wird als Erweiterung des individuellen Denkens betrachtet und nicht als rein ausführendes Werkzeug.

Wir müssen lernen, die digitalen Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen, passend einzusetzen und uns nicht von ihnen bestimmen zu lassen. Schott erläutert ein Beispiel aus seiner Arbeit an der Universität; Studenten verwendeten immer dieselben Türen in ihren Zeichnungen; als er sie darauf ansprach, kam als Antwort, dass das Programm nicht mehr Türen anbieten würde. Die Studenten ordneten ihre Entwürfe also den Möglichkeiten des Programms unter, anstelle sich davon frei zu machen. Der Computer muss als Erweiterung des individuellen Denkens betrachtet werden. Gleich einem Stift und einem weißen Papier, wo die Möglichkeiten endlos sind.

Digitales Arbeiten beschreibt einen methodischen Ansatz. Sie macht Dinge möglich, die vorher kaum möglich gewesen sind. Sie macht Komplexität beherrschbarer und macht es möglich, unterschiedliche Parameter besser zu kontrollieren. Auch die vielfältige Herstellung von Varianten ist durch das digitale Arbeiten viel einfacher möglich als einst. Sebastian Schott erläutert die Entwurfsmethodik anhand verschiedener Projekte in denen parametrische Systeme eingesetzt werden, um Entwurfs- und Fertigungsprozesse zu optimieren. So zeigt er die Entwicklung der Fassade vom Möbelhaus Rieger in Heilbronn sowie ein neues Büro- und Forschungsgebäude in Stuttgart, bei dem mittels eines parametrisch entwickelten Fassadenmodules ein räumliches Bild einer Fassade entsteht.

Bei all dem Digitalen warnt Schott, müssen wir jedoch vorsichtig sein, durch die Möglichkeiten, die uns BIM gibt, die Dinge nicht zu früh zu definieren. Trotz der vielen Möglichkeiten müssen wir weiterhin frei sein im Entwerfen!

Der letzte im Bunde des Abends ist Patrick Müller von Solid White. Kein Architekt, eher ein Kommunikationsdesigner mit einer Leidenschaft für Gaming und virtuelle Welten. In seiner Agentur für Virtual Reality & Interaktive Markenerlebnisse arbeitet er jedoch quasi als Architekt, er baut in der digitalen Welt. Zu Beginn erläutert Müller die Technik hinter seiner Arbeit, „Unity 3D“, eine Innovation, die ebenfalls aus dem Gamingbereich kommt. Nach der Philosophie „Virtual but Natural“ werden bei Solid White digitale Welten gestaltet. Die Interaktion von Mensch und Mas- chine steht im Vordergrund. Zur Entwicklung der digitalen Welten wird die Realität genau studiert, um Dinge erlebbar zu machen, die man eigentlich nicht erleben kann. „Knowledge Management“ nennt Müller die von Solid White geschaffenen Wissenskosmen. Hier kann der Nutzer Informationen im Kontext „begehen“, jedes Szenario kann virtuell „gebaut“ werden. Auch der Maschinenhersteller Trumpf hat, aufgrund der Unmöglichkeit eine ihrer gigantischen Maschinen mit zu einer Messe zu nehmen, auf die Expertise von Müller und seinen Kollegen zurückgegriffen. Durch die digitale Rekonstruktion der Maschine kann der Nutzer die Maschine digital besichtigen und ein Gefühl für Proportion und Größe gewinnen. Noch viel besser - der Nutzer kann in die Maschine hineinschauen, während sie „arbeitet“. Ein Prozess der in der physischen Welt undenkbar wäre!

Ein weiteres spannendes Beispiel ist das von Solid White entwickelte Recruitingsystem. Personalauswahl im digitalen Raum! Wie bei einem Spiel werden hier Tests mit den Bewerbern durchgeführt. Eine völlig andere Leistungsmessung als wir bisher kannten.

Weiter zeigt Müller ein „Virtual Design Center“ für allerlei Produkte. Quasi eine Shopping Mall – nur digital. Hier können trotz Corona Produkte erlebbar gemacht werden. Das letzte vorgestellte Projekt ist ein „Collaborative Workshop Tool“, welches unter dem Konz- eptgedanken „was brauchen wir in der realen Welt, um zu arbeiten?“ entwickelt wurde. Es verzich- tet auf nachgebildete Architektur und bietet die Tools, die wir auch im physischen Büro miteinander nutzen. Die physischen Grenzen werden so gänzlich aufgehoben.

Abschließend geht Müller noch darauf ein, dass bei all seinen Entwürfen die Zugänglichkeit entscheidend sei. Der Nutzer muss auf jedem Device auf den Raum zugreifen können. Einige der vorgestellten Produkte von Solid White wären vor dreißig Jahren noch als Science Fiction Film durchgegangen, jedoch illustriert er schön, wie wir Architekten uns vielleicht auch in unserer Arbeit ändern müssen und die digitale Raumgestaltung genauso wichtig sein wird, wie die physische.

Im zweiten Akt sind sich alle einig, der „shift“ happens, so Dr. Rieck. Jedoch darf nie vergessen werden, dass wir immer für den physischen Menschen arbeiten, der Mensch, der nicht nur sieht und hört, was er in der physischen und digitalen Welt tut, sondern der Mensch, der auch fühlt, riecht und schmeckt. Gestalter müssen wachsam bleiben und sich mit der digitalen Gesellschaft weiterentwickeln!

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
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