↪ Retrospektiv
Pauline 51 - 27.06.2019, Sommer 2019
Inklusion
und Architektur — Inklusive
Architektur

Inklusion und Architektur - Inklusive Architektur, Inklusion und Architektur - Inklusive Architektur

Dass Inklusion mehr als die „Norm für Barrierefreies Bauen“, also die DIN 18040, ist, ist wohl jedem Planer und Gestalter klar. Die Gedanken jenseits der Normen, die bei unserer Juni Pauline thematisiert wurden, bringen eine ganz eigene Sicht auf Inklusion mit sich. Schon im Eröffnungsplädoyer stellt Rudi Schricker inklusionsbewusste Gestaltung als Gestaltung dar, die weg vom Ergonomie Männchen hin zum Individuum und dessen einzigartigen Bedürfnissen geht. Daraus ergibt sich ganz von selbst, dass jeder Gestalter stets Veränderbarkeit und Anpassbarkeit in seinen Entwürfen mit einbeziehen muss, um dem Menschen im Raum die Möglichkeit zu geben, diesen für sich anzunehmen – Inklusion ist universell. Architekt Henning Volpp, der erste Gast an diesem sommerlichen Abend auf dem Podium, ist der Mitbegründer von „NO W HERE/ Architekten Designer“ und „GSP“ - der Gesellschaft für Soziales Planen.

Inklusion ist für ihn die Fähigkeit von Architektur dem Menschen Würde zu verleihen. Grundsätzlich kann sich nur der Mensch selbst Würde geben, jedoch kann den Menschen mit Hilfe entsprechender Architektur zu eben dieser Würde verholfen werden. Volpp kritisiert den engen Fokus der Inklusion, also die Versteifung der Gedanken auf „den behinderten Menschen“. Jedoch sieht er nicht vorhandene Inklusion viel mehr als ein gesellschaftliches Problem. Inklusion, so Volpp, ist die Vermischung von Gruppen und Individuen durch die Aufhebung von Barrieren. Inklusive Architektur schafft Orte, an denen Teilhabe entsteht und gelebt werden kann - Teilhabe ist Inklusion.

Auf Volpp folgt Christian Vogel, Partner bei dem Büro DREI ARCHITEKTEN. Inklusive Architektur definiert Vogel als „Häuser für Alle“ und greift den Aspekt der vollkommenen Teilhabe wieder auf. Inklusion ist barrierefreier Zugang zu Gebäuden, aber auch zu deren Nutzung für alle Personen gleichermaßen, was weit über körperliche oder geistige Behinderung hinaus- geht. Wer inklusiv gestaltet, der setzt die Normalität nicht voraus. Vielmehr geht es darum, jede Person an sich in ihren Bedürfnissen zu begreifen. Durch diesen Weg wird ersichtlich, dass jeder in irgendeiner Weise nicht der Norm entspricht, also nicht der in der Allgemeinheit bestehenden Auffassung entspricht. Inklusive Architektur sollte dem folgend möglichst offene und flexible Strukturen bieten, viel mehr nicht genau vorbestimmte Begegnungsflächen in Gebäuden zur flexiblen Aneignung durch die Nutzer schaffen – bei Inklusion weiß man nicht was als nächstes kommt.

Jörg Weinbrenner, Geschäftsleiter bei der weinbrenner.single.arabzadeh Architekten Werkgemeinschaft, betritt als letzte Gast des Abends das Podium. Für Weinbrenner ist Inklusion die gleiche Teilhabe aller Menschen an allen Facetten des Lebens und des Alltags. Sein Verständnis von Inklusion greift das seiner Vorredner auf und unterstreicht diese durch die These, dass „wer im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher erst gar nicht wieder eingefügt werden“.

Anhand des Projektes „Quartierprojekt am Neckarbogen“ in Heilbronn, einem Wohnungsbauprojekt, erläutert Weinbrenner die Vorgehensweise seines Büros in Bezug auf Inklusion und Architektur. Die Menschen mit Behinderungen, die in das Quartier eingezogen waren, wurden von Anfang an in die Gestaltung und Veränderung mit einbezogen. Es wurde nicht für sie, sondern mit Ihnen gestaltet – Inklusion ist Berührungsängste ablegen und Toleranz üben.

Viele Stichworte sind gefallen wie Teilhabe, Toleranz, Individualität und Vermischung. Mit vielen Gedanken im Kopf, um die eigene Definition der Inklusion zu finden, endet ein spannender Abend.

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
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